Neulich fiel beim Aufräumen dieses alte Foto in die Hände. Ein Schnappschuss, Christiane auf dem Neuen Markt in Rostock, in einem sehr figurbetonenden Sommerkleid und mit ganz kurzen Haaren. Auf der Rückseite des Bildes war noch, leicht verblasst, der Aufdruck des Fotolabors zu erkennen, das den Abzug hergestellt hatte: Mai 1987. Ich erinnerte mich wieder, damals waren wir zur Hochzeit meiner Cousine Katrin 'drüben' gewesen und das Foto war an dem Nachmittag vor Katrins Polterabend entstanden. In einem unbeobachteten Augenblick hatte ich Christiane fotografiert, gerade als sie vom Friseur gekommen war. Wir hatten das Foto später aussortiert, weil Christiane das Bild nicht mochte. Sie fand sich unvorteilhaft getroffen, eine Meinung, die ich überhaupt nicht teilte. Für meinen Geschmack war das Foto durchaus gelungen und ich fand, dass Christiane auf dem Bild ausgesprochen süß aussah, weshalb ich die Aufnahme auch nicht vernichtet hatte. Damals war sie gerade 32, eine bildhübsche Frau in der Blüte ihrer Jahre. Sie sieht auch jetzt, 20 Jahre später, immer noch sehr gut aus. Ich sage das nicht nur, weil ich immer noch mit ihr verheiratet bin und sie gerade neben mir steht, während ich diese Geschichte aufschreibe.

Damals, vor der Wiedervereinigung, sind wir regelmäßig einmal im Jahr nach Rostock gefahren. Dort wohnte meine Tante Petra, die um einige Jahre jüngere Schwester meines Vaters. Als Schüler hatte ich manchmal einen Teil meiner Sommerferien bei Tante Petra verbracht. Die DDR, dieses merkwürdige andere Deutschland jenseits der Elbe, hatte mich immer irgendwie fasziniert. Vor allem die hübschen Mädchen, die gegenüber Jungs aus dem Westen durchaus aufgeschlossen waren, selbst wenn sie, wie ich damals, ein bisschen schüchtern waren und bei Mädchen im Westen nicht besonders gut ankamen. Später, als ich dann mit Christiane zusammen war, fuhren wir gemeinsam rüber, ich aus alter Anhänglichkeit gegenüber Tante Petra und Christiane mir zuliebe und weil sie die DDR bis dahin überhaupt nicht kannte. Meistens fuhren wir im Juni und damit es sich auch lohnte, blieben wir gleich eine Woche oder zehn Tage und nutzten die Nähe zur Ostsee, um am Strand von Warnemünde ein paar Tage Urlaub zu machen. Pünktlich Anfang Juni kam per Post unser Besuchsvisum. Wir packten dann den Kofferraum des Autos mit all den Dingen voll, die es in der DDR nicht oder nur sehr schwer oder nur in relativ schlechter Qualität zu kaufen gab und die deshalb heiß begehrt waren, Kaffee, Schokolade und andere Süßigkeiten, Nylonstrümpfe bzw. Strumpfhosen, die Markenjeans für meine Cousine Katrin und wenn wir ganz mutig waren, dann versuchten wir eine West-Zeitschrift oder eine Schallplatte mitzunehmen, die auf dem Verbots-Index stand. An der Grenze wurden wir meistens streng kontrolliert, mussten ein paar Formulare ausfüllen und wenn wir dann durch waren, mussten wir noch den 'Mindestumtausch' vornehmen. 25 DM pro Tag und Nase mussten in 25 Mark der DDR umgetauscht werden. Der Mindestumtausch für 'Bürger der BRD' war eine reine Devisenbeschaffungsmaßnahme der DDR, die damals, wie sich später herausstellte, faktisch pleite war. Für die DDR-Mark gab es in den 80er Jahren kaum etwas Vernünftiges zu kaufen und für Waren und Dienstleistungen des täglichen Bedarfs waren die Preise in der DDR so niedrig, dass man seine DDR-Mark kaum ausgegeben bekam. Selbst wenn wir jeden Tag im Restaurant Essen gegangen wären, was wir wegen Petras ausgezeichneter Kochkünste nicht taten, wären wir das 'Spielgeld' (DDR-Jargon) nicht los geworden. Manchmal erwarben wir ein interessantes Buch, eine Schallplatte oder etwas Kunstgewerbliches, aber am Ende blieb immer noch eine Menge DDR-Geld übrig. Zurücktauschen durfte man es nicht und auch die Ausfuhr von DDR-Mark war streng verboten. Einmal saßen wir am Rückreisetag um Petras Küchentisch herum und kramten wie üblich unser restliches DDR-Geld hervor um festzustellen, dass wir wieder nur gut die Hälfte des Zwangsumtauschs ausgegeben hatten.
"Warum geht Ihr hier nicht mal zum Friseur?", fragte Petra, der es jedes Mal peinlich war, wenn wir ihr den Rest unseres Mindestumtauschs überließen, weil es wieder mal kaum etwas Vernünftiges zu kaufen gab.
"Der Friseur ist doch bei Euch ziemlich teuer und wenn Ihr bei uns hingeht, könntet Ihr eine Menge Geld sparen."
Meine Tante Petra war eine nicht sehr anspruchsvolle, dafür aber sehr praktisch denkende Frau. Irgendjemand hatte ihr wohl mal erzählt, was man bei uns so für den Friseur ausgeben musste, was in ihren Augen ein kleines Vermögen war. Und so war ihr Vorschlag durchaus ernst gemeint, aber meine für gewöhnlich ziemlich gut frisierte Frau hielt diesen Vorschlag wohl für einen Scherz und bekam fast so eine Art Lachkrampf. Sie könne sich im Leben nicht vorstellen, in der DDR zum Friseur zu gehen, sagte Christiane, nachdem sie sich etwas beruhigt hatte.
"Wieso das denn nicht?", fragte Petra ganz verdattert.
"Weil der Friseur nun mal Vertrauenssache ist und Eure Friseure nicht gerade Weltniveau haben. So, wie manche Frauen bei Euch mit ihren Haaren rumlaufen, möchte nun wirklich nicht aussehen. Und besonders einladend sehen Eure volkseigenen Friseursalons auch nicht gerade aus", erklärte Christiane ihre ablehnende Haltung.
"Nun mach mal unsere Friseure nicht schlecht", sagte Petra und zupfte nervös an ihren schlecht gefärbten Haaren herum, "die verstehen auch ihr Handwerk."
Sie war fast ein bisschen beleidigt. Damals war sie noch loyale DDR-Bürgerin, die es überhaupt nicht mochte, wenn man 'ihre' DDR mies machte. Wir wechselten schnell das Thema, um nicht noch zum Abschied schlechte Stimmung aufkommen zu lassen.

Einige Jahre später, im Mai 1987, fuhren wir aus einem besonderen Anlass nach Rostock. Meine Cousine Katrin heiratete und das sollte ganz groß gefeiert werden. Mit richtigem Polterabend und großer Hochzeitsfeier in einer für DDR-Verhältnisse ausgesprochen noblen Lokalität. Natürlich waren wir eingeladen. Eigens zu diesem Anlass hatte sich Christiane, die ich fast nur in Hosen kannte, neu eingekleidet und sich ein sehr chices Kostüm und dieses Sommerkleid gekauft, in dem sie auf dem schon erwähnten Foto zu sehen ist. Und natürlich wollte Christiane auch noch vorher zum Friseur. Wollte, denn dazu kam es nicht. Die Woche vor der Abreise nach Rostock war nämlich ungewöhnlich hektisch. Christiane musste in ihrer Firma plötzlich Überstunden schieben, weil das Finanzamt überraschend zur Betriebsprüfung erschienen war, dann hatten wir noch zuhause einen Wasserrohrbruch, und wie um das Unglück komplett zu machen hatte sich Christianes aus dem nasskalten Frühjahr mitgeschleppte chronische Sinusitis derart verschlimmert, dass sie am Tag vor der Abreise nach Rostock noch zum HNO-Arzt musste, der ihr die vereiterten Nasennebenhöhlen spülte, was eine ziemlich scheußliche Prozedur gewesen sein muss. Jedenfalls schafften wir es erst auf den letzten Drücker, alle Geschenke zu besorgen. Am Morgen des Abreisetages stellte Christiane beim Blick in den Spiegel fest, dass sie ihren Friseurtermin in dem ganzen Durcheinander verschwitzt hatte. In aller Eile drehte sie sich die Haare auf, band sich ein Kopftuch um und stieg dann so zu mir ins Auto. Der DDR-Offizier an der Grenze warf einen Blick auf das Passbild in Christianes Reisepass und forderte sie in dem an der DDR-Grenze üblichen Kommandoton auf, das Kopftuch abzunehmen. Da erst fiel Christiane auf, dass sie immer noch die Lockenwickler in den Haaren hatte. Sie nahm sie schnell heraus und frisierte sich notdürftig im Rückspiegel. Dann erst durften wir in die DDR einreisen. Am nächsten Tag war von Christianes Lockenpracht nicht mehr viel übrig. In der Eile hatte sie wohl vergessen, genügend Festiger drauf zu tun.
"Was ist denn mit Deinen Haaren los - hat es Dein West-Friseur nicht gebracht?", sagte Petra, als Christiane mit schlapp herunterhängenden Haaren am Frühstückstisch erschien. Diesen süffisanten Seitenhieb konnte sich meine Tante angesichts Christianes damaliger Bemerkungen in Bezug auf die DDR-Friseure wohl nicht verkneifen. Sie selbst und Katrin waren natürlich längst beim Friseur gewesen. Petra glänzte mit einem neuen Haarschnitt und frischer Farbe, Katrin hatte jetzt eine Dauerwelle, für die sie ein ganzes Stück ihrer langen Haare geopfert hatte. Nach dem Frühstück zog sich Christiane ins Badezimmer zurück und versuchte, ihre Haare noch irgendwie in Form zu bringen. Nach einer Stunde kam sie ziemlich frustriert heraus und meinte, dass sie hier wohl doch noch zum Friseur gehen müssen. Waschen und Legen - dass müssten die ja hier noch hinbekommen, das sei ja nicht so schwer. Petra griff hocherfreut zum Telefonhörer und schaffte es tatsächlich, für Christiane noch relativ kurzfristig einen Termin bei dem Friseur zu bekommen, zu dem auch Katrin und sie gingen. Am frühen Nachmittag des folgenden Tages, an dem abends der große Polterabend stattfinden sollte, fuhr ich Christiane zu dem Friseursalon, der sich in der Innenstadt von Rostock befand. Ich fragte sie noch, ob ich vielleicht mit reinkommen solle, aber Christiane wollte das nicht. Wie die meisten Frauen mag sie es nicht besonders, wenn man(n) sie beim Friseur sitzen sieht. Also verabredeten wir, dass ich in der Kneipe gegenüber auf sie warten sollte. Viel länger als eine Stunde würde es wohl nicht dauern. Die Kneipe gegenüber war nicht besonders gemütlich. Wegen der Null-Promille-Grenze im DDR-Straßenverkehr und in Erwartung eines ziemlich feuchten Polterabends (in der DDR wurde bei solchen Festen immer wahnsinnig gesoffen) trank ich dünnen Ost-Kaffee und unterhielt mich mit dem Barkeeper über Fußball. Den HSV und Hansa Rostock und warum es die DDR-Nationalmannschaft seit der WM 1974 nicht mehr in ein großes Turnier geschafft hatte. Eine Stunde verging und dann noch eine und so langsam machte ich mir Sorgen um Christiane. Nach ziemlich genau zweidreiviertel Stunden kam sie dann endlich. Mit ganz kurz geschnittenen Haaren und verweinten Augen. Auch ohne viel Fantasie war mir sofort klar, dass bei dem Friseur etwas ziemlich schief gegangen sein musste. Ich nahm sie erst mal in den Arm und bestellte ihr dann einen Nordhäuser Doppelkorn. Nachdem sie sich etwas beruhigt hatte, gingen wir zusammen durch die Rostocker Innenstadt. Christiane brauchte einfach etwas frische Luft. Unterwegs erzählte sie mir dann, was beim Friseur passiert war. Die Einzelheiten habe ich nicht mehr so genau in Erinnerung, so dass es vielleicht besser ist, wenn Christiane selbst den Rest der Geschichte erzählt.

(Christiane:) Also, an den ersten und einzigen Besuch bei einem DDR-Friseur kann ich mich auch nach 20 Jahren noch lebhaft erinnern. Ich habe die Geschichte später ein paar Mal erzählen müssen. Zum ersten Mal, als ich nach unserem Besuch in Rostock mit den kurzen Haaren ins Büro kam, und dann immer, wenn unter uns Frauen im Büro mal wieder das Thema 'Haare' und 'Mein schlimmstes Friseurerlebnis' dran war. Die Geschichte kam immer sehr gut an. Wer konnte in Hamburg schon erzählen, wie es beim DDR-Friseur war.

Zunächst muss ich richtig stellen, dass ich anders, als mein Göttergatte Sebastian das eben dargestellt hat, nicht so ganz freiwillig in Rostock zum Friseur gegangen bin. Vielmehr haben Petra, Katrin und leider auch mein lieber Sebastian solange auf mich eingeredet, bis ich schließlich nachgab. Ich will ihnen aber jetzt nicht die Schuld für das zuschieben, was dann später passiert ist. Für eine Frau ist es immer ein gewisses Abenteuer, ihre Haare einem Friseur anzuvertrauen, den sie nicht kennt, und wenn man im Ausland zum Friseur geht, dann ist es ein richtiges Abenteuer. Friseurtechnisch war die DDR Ausland, nicht wegen der Sprachbarriere, sondern weil sie technisch und modisch einige Jahre hinterher hinkte. Das merkte ich spätestens, als ich an dem besagten Freitag Nachmittag gegen 13 Uhr den Salon betrat, der angeblich einer der moderneren Friseursalons in Rostock war und doch im Vergleich zu unseren Friseurgeschäften ziemlich altmodisch wirkte. Diese Vorwärtswaschbecken mit billigen Plastikarmaturen, die vorsintflutlichen Trockenhauben, die hölzernen Friseurstühle, der Kachelofen in der Ecke, die Friseurinnen in ihren rüschigen Nylonkitteln, irgendwie war das alles wie aus einer anderen Zeit. Trotzdem war der Laden brechend voll und das an einem Werktag, an dem annehmen musste, dass die meisten Leute hier noch arbeiten mussten. Im Damensalon waren fast alle Behandlungsstühle besetzt und ich hatte den Eindruck, dass im Akkord gearbeitet wurde. Sobald ein Stuhl frei wurde, wurde er postwendend von der nächsten wartenden Kundin besetzt. Und auch die Kundinnen, bei denen die Behandlung nur unterbrochen wurde, weil die Haarfarbe und die Dauerwelle einwirken musste, mussten ihren Stuhl vorübergehend räumen und im Wartebereich Platz nehmen, damit ihr Stuhl wieder zur Verfügung stand. Es ging wie das Brezelbacken, und soweit ich sehen konnte, fand eine ausführliche Beratung der Kundin nicht statt. Entweder wussten die Friseurinnen ganz genau, was ihre Kundinnen wünschten oder die Optionen waren so begrenzt, dass eine eingehende Beratung nicht notwendig war. Die erste Enttäuschung an diesem Tag: Katrins Friseurin, bei ich angemeldet war, hatte sich kurzfristig einen Tag frei genommen, weil ihr Kind einen Schnupfen hatte. Für sie sprang eine sehr junge, wasserstoffblonde Friseurin ein, die so aussah, als hätte sie erst kürzlich ihre Prüfung gemacht. Sie warf einen kurzen Blick auf meine knapp schulterlangen dunkelbraunen Haare und fragte, ob ich eine Dauerwelle wolle.
"Nein", sagte ich, "nur Waschen und Legen, bitte."
"Das wird nicht lange halten", sagte sie, "bei Ihren feinen Haaren und unserem schlechten Festiger hält eine Wasserwelle bei Ihnen nicht von Zwölf bis Mittag. Wenn Sie was von den Locken haben wollen, dann brauchen Sie eine Dauerwelle. Und vor allem einen neuen Schnitt. Ihr letzter Haarschnitt liegt doch mindestens 6 Monate zurück."
Das hatte ich fast befürchtet. Ich habe tatsächlich sehr feines Haar und viele Jahre hatten mich die diversen Friseure, bei denen ich gewesen war, in dem Glauben gelassen, dass mit meinen Haare, jedenfalls wenn sie etwas länger waren, ohne chemische Nachhilfe kein Staat zu machen war. Schon während meiner Schulzeit Anfang der Siebziger hatte ich, als einziges Mädchen in der Klasse, eine Dauerwelle gehabt und durfte mir dann die dummen Sprüche meiner Klassenkameradinnen anhören. Die waren mir aber egal gewesen, als ich merkte, dass die Jungs trotz oder vielleicht gerade wegen meiner künstlichen Locken auf mich standen. Als dann in den Achtzigern Dauerwellfrisuren wieder in waren, lag ich voll im Trend und musste grinsen, wenn ich meine ehemaligen Mitschülerinnen nun ebenfalls dauergewellt auf der Straße traf. Vor einigen Jahren hatte ich durch Zufall eine Friseurin kennen gelernt, die mich davon überzeugt hatte, es mal ohne Chemie zu versuchen. Sie hatte eine besondere Schnitttechnik und schaffte es mit allerlei Tricks und Kniffen, meine Haare auch ohne Dauerwelle nach was aussehen zu lassen. Leider hatte diese Friseurin vor einem halben Jahr aus gesundheitlichen Gründen ihren Beruf aufgeben müssen. Und so war ich zu meinem alten Friseur zurückgekehrt, der mir natürlich gleich wieder mit Dauerwelle kam. Aus Gründen, über die hier schon berichtet wurde, hatte ich es vor der Abreise nach Rostock nicht mehr zum Friseur geschafft, mit dem Erfolg, dass ich nun in Rostock bei Friseur saß.
"Also, was ist nun - wollen Sie eine Dauerwelle oder nicht?"
Die Friseurin wurde langsam etwas ungeduldig.
"Na schön", sagte ich, "also machen Sie mir eine leichte Dauerwelle und den Schnitt bitte nicht zu kurz."
"Leichte Dauerwelle ham'wa nich, nur normale Dauerwelle", sagte die Friseurin, "und was den Schnitt angeht: ein bisschen was muss schon ab."
Ohne weitere Diskussion wickelte sie mir ein gräuliches Handtuch um die Schultern und band mir dann einen knallroten Plastikumhang um. Na toll, dass ich das nochmal erleben durfte. Es gibt zwei Dinge, die beim Friseur überhaupt nicht mag, das eine sind Friseure, die übertrieben freundlich sind und einen dann unentwegt vollquatschen, das andere sind Plastikumhänge. Letztere waren mittlerweile aus westdeutschen Friseursalons weitgehend verschwunden, aber ich konnte mich noch gut an Zeiten erinnern, als diese scheußlichen Dinger auch bei unseren Friseuren jedenfalls bei der Dauerwelle und beim Färben eher die Regel als die Ausnahme waren. Es gab sie in allen möglichen Farben und Designs, mit Klett- oder Hakenverschluss, aus dickerer oder dünnerer Plastikfolie. Egal, ich mochte sie nicht, auch wenn meine Mutter erzählte, dass sie im Vergleich zu den Färbeumhängen aus Gummi, unter denen sie in den Vierziger oder Fünfziger Jahren gelitten hatte, ein echter Fortschritt waren.
Dann ging es endlich los. Haare waschen, was ich normalerweise beim Friseur ganz angenehm und entspannend finde, aber hier überhaupt nicht. Ich musste mich über das Waschenbecken beugen und wurde mit der Handbrause erst mal ordentlich nass gespritzt. Deshalb also der garantiert wasserdichte Umhang. Dann: der Durchlauferhitzer funktionierte nicht richtig und das Wasser war mal zu heiß und mal zu kalt. Und schließlich: das Shampoo schäumte so schlecht, dass sie wohl einen Viertelliter Shampoo brauchte und in meinen Haare herum walkte wie nichts Gutes. Jedenfalls war ich froh, als sie endlich fertig war. Zu meiner Überraschung fing sie dann nicht mit dem Aufwickeln an, sondern griff erst mal zur Schere. Ein bisschen was müsse schon ab, hatte sie gesagt, aber 'ein bisschen' war hier wohl relativ. Haare schneiden war anscheinend ihre große Leidenschaft, denn sie beließ es nicht dabei, die Spitzen zu schneiden und die Haare dann durchzustufen, sondern schnitt 10 cm in der Länge ab. Da die Dauerwelle die Haare noch nach oben ziehen würde, würde ich wohl mit einem lockigen Bob den Laden verlassen. Es würde wohl eine ganze Weile dauern, bis ich wieder das Gefühl langer Haare genießen konnte. Nachdem die Jungfriseurin endlich mit Schneiden fertig war, knallte sie mir eine Schachtel mit Dauerwellwicklern auf den Schoß. Damit ich mich nicht langweilte - die übliche Friseurlektüre gab es hier nicht und die zerfledderte Ausgabe des SED-Zentralorgans 'Neues Deutschland' war nicht so prickelnd - sollte ich ihr die Wickler reichen, damit es mit dem Aufwickeln schneller ging. So hatte ich wenigstens was zu tun. Immerhin wickelte sie für eine Berufsanfängerin ganz flott, wenn auch ziemlich stramm. Zwischendurch ließ sie mich dann noch halbfertig 10 Minuten rumsitzen, weil sie einer anderen Kundin die Farbe auswaschen musste. Inzwischen saß ich seit fast 1 1/2 Stunden hier und der chemische Teil der Prozedur hatte noch nicht mal angefangen. Dann war es endlich soweit. Sie kam mit der Chemie, die genau so schlimm roch wie bei uns. Das Zeug wurde aber nicht mit der Flasche, sondern mit einem Schwämmchen aufgetragen, wobei sich die reichlich aufgetragene schäumende Dauerwellflüssigkeit nicht nur auf den aufgewickelten Haaren verteilte, sondern mir im Nacken herunterlief und auf meinem Umhang spritzte. Dann bekam ich eine schicke, farblich abgestimmte Plastikhaube aufgesetzt und durfte wieder im Wartebereich Platz nehmen. Nach reichlich 20 Minuten kam die Friseurin vorbei und machte einen Probeabwicklung. Sie erschrak und schleppte mich panikartig zum nächsten verfügbaren Waschbecken, um die Dauerwelleflüssigkeit abzuspülen. Als sie nach der Fixierung 10 Minuten die Wickler rausnahm, merkte ich gleich, weshalb sie sich so erschrocken hatte. Meine Haare waren überkraust. Statt natürlich fallenden Locken hatte ich eine mächtige Afro-Krause, bei der die Haare nach allen Seiten abstanden. Die schlimmste Dauerwelle, die ich je gehabt hatte. Die Friseurin hatte zu kleine Wickler genommen und dann auch noch die Chemie zu lange einwirken lassen. Ich hatte gleich so was befürchtet, schließlich sah man hier eine Menge schlechter Dauerwellen auf der Straße. Ich hatte mich dafür ohrfeigen können, dass ich dusselige K. hier im Osten zum Friseur gegangen war und mir dann auch noch eine Dauerwelle aufschwatzen ließ.
Die Jungfriseurin zog eine erfahrene Kollegin hinzu, die versuchte, mit Fön und Bürste die Krause etwas aus den Haaren herauszuziehen. Nachdem sie mich 10 Minuten mehr oder weniger erfolglos traktiert hatte, sagte ich, sie solle es bleiben lassen.
"Und was nun?", fragte die Friseurin. Die Frage beantwortete sich fast von selbst, denn es gab nur drei Möglichkeiten. Entweder 1. ich ging mit diesem unmöglichen Afro-Look so auf die Straße oder 2. ich ließ die Haare chemisch glätten, was ihnen den Rest gegeben hätte, oder 3. ich ließ die Dauerwelle rausschneiden. Die Lösung 1. kam für mich prinzipiell nicht in Frage. So wie ich jetzt aussah konnte ich weder zum Polterabend noch morgen zu der Hochzeitsfeier gehen. Lösung 2. und 3. liefen im Ergebnis auf dasselbe heraus. Meine feinen Haare würden ein nochmalige chemische Behandlung nicht überstehen. Außerdem würde das nochmal mindestens eine weitere Stunde dauern. Dann konnte ich sie auch gleich abschneiden, das sparte wenigstens Zeit.
"Schneiden Sie sie ab", sagte ich zu der Friseurin.
"Wie bitte?"
Sie glaubte, ich machte Scherze.
"Schneiden Sie die Dauerwelle raus!", sagte ich nochmal. Nachdem Sie sich vergewissert hatte, dass ich es wirklich ernst meinte, griff sie endlich zu Schere. Ich sagte ihr, dass sie es so schneiden sollte, dass noch ein guter Zentimeter stehen, also super kurz. Als sie dann anfing zu schneiden, merkte ich, dass sie sich nicht traute, wirklich ganz kurz zu schneiden, so dass es am Ende doch etwas mehr als ein Zentimeter war, was mir dann auch ganz Recht war. Trotzdem, es war immer noch verdammt kurz. Ich hatte noch nie ganz kurze Haare gehabt und als ich mich danach im Spiegel sah, kam ich mir irgendwie sehr fremd vor. Bis dahin hatte ich versucht, die Fassung zu bewahren. Aber bei Blick in den Spiegel kamen mir dann doch die Tränen. 8, 9, 10 - Wasser.

Sebastian fiel fast von seinem Barhocker, als ich mit der Kahlschlag-Frisur in die Kneipe kam, in der wir verabredet waren. Aber er reagierte ganz toll, denn er sagte nichts, sondern nahm mich einfach nur in den Arm und bestellte mir dann einen Schnaps. Ich glaube, er meinte es sogar ernst, als er später sagte, dass er mich mit den kurzen Haare 'ziemlich sexy' fände, wobei ich bis heute nicht sicher bin, ob es nun die kurzen Haare oder mein neues Kleid war, dass ihn anturnte. Jedenfalls war den ganzen Abend total scharf auf mich und konnte es nicht erwarten, als wir endlich in Petras Gästezimmer unter uns waren. Ach ja, der Polterabend war übrigens noch ganz lustig, ebenso wie die eigentliche Hochzeitsfeier. Leider hat Katrins Ehe nicht lange gehalten. Aber so war das damals in der DDR.